Donnerstag, 8. März 2018

Oooooh! The Humanities!

Dieses Kätzchen hat
keinen Grund hier
zu sein. 
Ahm. Fundstück des Monats, Jahres. Ich weiß nicht. Auf alle Fälle zeige ich hier einmal eine "Thesis Submitted to the Faculty of Graduate Studies and Research In Partial Fulfillment of the Requirements For the Degree of Doctor of Philosophy in Education University of Regina. xviii, 283 p.."

Eine Doktorarbeit zur Erlangung eines Doktortitels in Pädagogik an einer kanadischen Uni, keiner Titelmühle. Eingereicht von jemandem mit weiblichem Namen, weswegen ich jetzt einfach mal das Gender assume und sie als weiblich führen werde. So einer bin ich. Titel dieser Doktorarbeit:

Self-Storying to (De)Construct Compulsory Heterosexuality: A Feminist Poststructural Autoethnography of a Self-Wedding Ritual.

Kann man sich nicht ausdenken. Eine Autoethnography ist übrigens - zumindest in den Arbeiten aus dieser, öh, Fachrichtung - eine Art unstrukturiertes Tagebuch. Und Dekonstruktion und Poststrukturalismus liegen eh weit oben auf der Bullshit-Bingo-Liste. Jetzt aber mal ran ans Werk.
Written from the perspective of a white-settler, obese, bisexual, middle class cisfemale graduate student in Canada, the wedding ritual and bride are explored as sites of ideal female/feminine formation of the subject. Compulsory heterosexuality is implicated. “Single” and “married,” like “woman,” are constituted in discourses. 
Diese Art von Offenbarungseid, die ein bißchen an Schauprozesse in der Kulturrevolution erinnert, sind wichtig bei Autoethnographien. Man muß alle seine "privileges" aufzählen (white settler) und alle möglichen Opferinkarnationen (cisfemale, wobei das zweischneidig ist, obese ist ein winner). Sie schweigt sich auffällig über ihre Augenfarbe aus. Ich denke, da liegt was im Argen.



Jedenfalls soll dieser Absatz dazu dienen, uns die Perspektive des jeweiligen Verfassers (generisches Maskulinum ftw) zu veranschaulichen. Außerdem wird nach einem komplexen Opfer/Privilegienschlüssel eine Punktezahl errechnet, die man später zum Schwanzvergleich nutzen kann. Also, das könnte ich mir jetzt vorstellen. Ich sag nicht, daß das so ist.

Wissenschaft? Da geht sie hin, die Gelegenheit.

Allen Spott über die Eigenwilligkeiten solcher Texte beiseite: Natürlich ist es interessant die Rolle der Frau / Braut unter diesen Gesichtspunkten mit einer sauberen kulturanthropologischen Methodik zu untersuchen. Aber natürlich ist das hier nicht der Fall. Wir sind bei Herr und Frau Gender Study zuhaus, da geht es anders zu.
The author explores ways that she, as an unmarried and therefore “single” woman has been positioned as personally deficient as single-ness is produced as an illegitimate and undesirable position for female/feminine subjects to take up. This research uses an autoethnographic methodological frame augmented by feminist poststructural epistemology to open up, trouble, disrupt and interrupt the figuring of the bride in hopes of (re)signification and new practices of the female and feminine self for the writer.
Wirklich. Es gibt keinen Grund
für die Katzenbilder.
Wie man Sprache fast zur Unkenntlichkeit verkrümmen kann, ist ebenfalls ein interessantes Thema und wird hier anschaulich demonstriert. Sie ist Single und das untergräbt ihren sozialen Status. Warum dem so ist, soll ihr die feministisch.poststrukturelle Epistemologie enthüllen, und dann will sie Lösungen suchen. Okay. Klingt jetzt eher nach Selbsttherapie als nach Doktorarbeit. Und natürlich Buzzword-Bingo.
The writer privileges story in the forms of narrative, poetry, theatrical vignette and photography; theoretical literature provides context and a methodological framework and adds a supplemental layer of analysis. The story is told from various temporal positions including past, present, and future, blurring the idea of chronological age. Practices of self and the limits of agency and resistance to dominant discourses are explored. Many accounts of a feminist self-wedding are presented to illustrate the opportunities for resistance, disruption and deconstruction of sociohistoric subjects and discourse, in this case, the heterosexual bride.
Stöhn. Okay. Sie schreibt Tagebuch, Gedichte und klebt Bilder hinein. Manchmal sogar kleine Collagen könnte ich mir denken, nachdem sie auf dem Hausdach den Mond angesungen hat. Spannend finde ich die verschiedenen Zeitebenen, "eingeschlossen" Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Macht neugierig, herauszufinden, welche anderen sie entdeckt hat.

Und die Lösung für ihr Problem: Selbst-Heirat. Was dem Text zufolge bei Feministinnen nicht eben selten vorkommt ("many accounts of feminist self-wedding"). Ich zweifle schwer an, daß das ihr Statusproblem lösen wird, aber solange sie glücklich ist, will ich das nichts sagen. Ich werde auch nicht von den Problemen einer möglichen Selbst-Scheidung sprechen, und wer dann das Sorgerecht für die Selbst-Kinder übernimmt.

Der eigentliche Text

Wenn man dann das Abstract verdaut hat und den Text liest, erlebt man eine Überraschung. Er ist weitaus farbloser als versprochen, ein Teil Autobiographie, ein Teil eher unbeholfene Prosa, dazu eine Tonne eigenwillige "Wissenschaft". Gesungen hat sie aber tatsächlich.

Okay. Der hat sich nun definitiv
hierher verirrt.
Es ist wirklich das Dokument einer Selbst-Therapie im Prosastil eines Oberschülers, geschrieben von einer wohl intelligenten Person mit einer allerdings seltsamen Ideologie, die sich in konstanter Betonung des eigenen Opferstatus zeigt, die stets rasch korrigiert wird, beispielsweise mit dem Verweis, daß es Schwarze noch schwerer haben. Diese Passagen sind quälend zu lesen. Es wird evident, wie schwer die Probleme sind, die sie psycho-sozial erleiden mußte.

Auf Seite 55 erlebt sie eigentlich ihr Heureka und erkennt nicht, daß ihre Lösung letztlich nichts anderes ist, als eine Bestätigung des Zwangsapparates unter dem sie leidet.
I didn’t actually need a man; that I existed as a real person without one, at least until I went back out into the world and had compulsory heterosexuality shoved down my throat some more. Underneath it all, I still wanted a wedding. So...I guessI married myself as a way to both publicly and privately reject the idea that I was illegitimate without a man; the idea that I wasn’t good enough on my own.
Genau. Sie will keinen Mann. Schluß. Ende der Debatte. Basta. Gesellschaftliche Zwänge - die in Nordamerika in dieser Hinsicht noch stärker ausgeprägt sind als bei uns - schreiben zwar einen vor, aber sie will nicht. Und das sollte das Ende der Geschichte sein. Ich bin ich, und gesellschaftliche Normen muß man nur zur Erfüllung eines zivilisationserhaltenden Mindestanspruchs erfüllen.

Stattdessen: "I wanted a wedding". Und warum wollen Mädchen in Kanada und den USA und auch an anderen Orten dieser Welt unbedingt eine Hochzeit? Richtig. Gesellschaftliche Prägung und Zwänge. Ein Mädchen muß eben in Weiß vor den Altar geführt werden. Im Disney-Alter noch von einem Prinzen, da die aber verdammt knapp sind, wird das in Medienprodukten für ältere Heranwachsende dann relativiert (Vampire). Es sind dieselben Normen, die sie ohne Mann als unvollständig betrachten.

Anstatt die kognitive Dissonanz zu erkennen, errichtet sie einen gewaltigen ideologischen Überbau, mehr einen Dschungel, und kreiert ihre eigenwillige Hochzeit, die sie dergestalt legitimieren kann. Es wird übrigens deutlich, daß sie sie legitimieren muß, denn sie belegt in erster Linie mit anderen Ereignissen dieser Art, daß das jetzt nicht so ungewöhnlich ist. Wieder muß sie sich rechtfertigen. Vor wem eigentlich? Vor sich selbst und den Zwängen die sie verinnerlicht hat. Anstatt sich davon zu befreien, versucht sie etwas zu tun, was diese Zwänge akzeptieren können.

Das kann ihr helfen, für den Moment sicher, ich habe meine Zweifel auf lange Sicht. Denn der ganze Haufen induzierter Neurosen wurde noch nicht einmal angekratzt. Für eine Psychologin eine eher enttäuschende Erkenntnisreise, da hätte ich mehr erwartet.

Eine Doktorarbeit?

Wie eine zwar interessante, aber schlecht geschriebene Reise in die eigenen Neurosen ohne eigentlichen Erkenntnisgewinn eine Doktorarbeit genannt werden kann, ist mir unklar. Mich würde interessieren, wie da die Verteidigung der Arbeit ausgesehen hat.






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