Dienstag, 30. Mai 2017

Triste Tentakelspiele

Hulla. Heute wurden bei den Teilzeithelden die Publikumspreise der Roleplaying Convention aufgelistet, einer, wie die TZH betonen, der "bedeutendsten Publikumspreise der Phantastik in Deutschland". So steht es da.

Ja. Steht da so. Ohne rot zu werden. Wenn das nicht stimmt, sollte das rot werden vor Scham. Wenn es stimmt, vielleicht noch mehr.

Nicht nur, daß alle Preisträger so mainstreamig sind wie Hosenträger im Washingtoner Politikbetrieb (Hennen, Heitz, DSA), hat sich der eine oder andere echte Klopper an Verirrung auch noch reingemischt.

Das "beste Gesellschaftsspiel" - laut Publikum dieses Publikumspreises - ist tatata: Monopoly! Natürlich ein besonderes Monopoly, das "Monopoly Cthulhu". Ich kenn jetzt einige der Sondereditionen dieses "Klassikers" (viele Anführungszeichen in diesem Post), und in der Regel sind das einfach nur die normalen Regeln mit anderen Bildchen auf dem Brett.

Ich habs mir echt nicht vorstellen können, daß sowas den ersten Platz abräumt und vermutete eine Variante. Leider, leider durfte ich auf Amazon erfahren, daß sich Vertrauen in die Menschheit mal wieder ohne Daseinsberechtigung in meine Seele geschlichen hatte.
Das Spielziel bleibt unverändert, es gilt die Gegenspieler zu ruinieren und/oder selbst das meiste Geld zu sammeln. Auch das Spielprinzip bleibt natürlich gleich. (...) Diese Edition ändert nichts am Spielablauf selbst.
Wer Monopoly mag, hat auch Spaß dran, Frösche aufzublasen, bis sie platzen. Als Erwachsener. Und das Publikum fand im gesamten Bewertungszeitraum kein besseres "Gesellschaftsspiel" als Monopoly, denn genau das ist es. Und warum?
Sie [diese Edition] bringt die nervenaufreibende Stimmung der klassischen Bücher und Hörspiele nun auch auf das Brett. Das Spielbrett sowie die Karten und die (Sammler-)Spielfiguren (Necronomicon, Tafel der Kultisten, Cthulhu-Statuette, Glänzendes Trapezoeder, Das Hunde-Amulett, Dagon-Dolch) sind thematisch und detailliert gestaltet worden und bringen die irrsinnige Atmosphäre der Figuren und Orte thematisch auf den Spieltisch!
Dieser ranzelnde Kadaver wird also zum "besten" Gesellschaftsspiel gekürt, weil ein cleverer Verlag die Ikonographie der rassistischen Vorstellungswelt eines Hyperneurotikers aufs Spielbrett gepappt hat, ohne, daß das eine Verbindung zum eigentlichen Spielgeschehen hätte. Gratuliere Jahr 2017, gut gemacht.

Wenn man nun theoretisch davon ausgehen könnte, daß zum "Publikum" dieses Publikumspreises ein Haufen Rollenspieler gehören (immerhin ist das die "Roleplaying Convention"), würde das Trends auf dem RSP-Markt ebenso erklären wie etliche Begegnungen, die ich in der Vergangenheit so hatte. Naja. So spar ich einen Haufen Geld weil es viele neue interessante Produkte nicht geben wird. Dafür werden dann eben triste Tentakelspiele in Nazi-Uniformen abgefeiert.

Soll mir recht sein.

(Bullshit-Index ohne Fremdzitate 0.19)

Kommentare:

Falk hat gesagt…

autsch, Monopoly. Wenn es doch we igstens Pandemie Reign of Cthulhu gewanorden wäre, das ist wenigstens gut.
Weiß "das Publikum" denn überhaupt nicht, was im Brettspielebereich gerade abgeht?

Ingo hat gesagt…

Zwei Worte:

#Cthulhu #Fatigue

Wer will, wer hat noch nicht? Die Welt braucht mehr Cthulhu / Mythos-Devotionalien.

Das Ganze erinnert an das vollkommen ausgelutschte Star Wars, halt für andere kleine Übergeeks. Ideenarm kann sich jeder bei dieser (zu)"freien" [1] Ikonografie bedienen. Das vielverkaufte Qualität-setzt-sich-durch-Monopoly passt voll ins Bild. Zwei total überbewirtschafte Labels draufgepappt. Läuft.

Es nervt!

Wieder ein lesenswerter Beitrag. Danke.

[1] Ja, es ist bekannt, dass Pegasus Spiele hierzulande irgendwelche (Namens-)Rechte hält, was schon fragwürdig genug erscheint, aber das ist an dieser Stelle nicht der Punkt.

PS: Natürlich muss man den armen Herrn Lovecraft im Kontext seiner Zeit betrachten und Verständnis für seine fremdfeindlichen ... aufbringen. Nicht.

Ingo Schulze hat gesagt…

Publikum wählt halt das, was es kennt ... Ist ja keine Überraschung. Zumindest bei den Comics kann man sagen, dass mit dem Cthulhu-Comic ne Perle gewählt wurde, welches ne Miniauflage hat {daher vermutlich viel mehr _Wähler als Auflage}.

TheShadow hat gesagt…

" welches ne Miniauflage hat {daher vermutlich viel mehr _Wähler als Auflage}."

Also hätten ein Haufen Leute für etwas abgestimmt, das sie gar nicht gelesen haben. HURRA! Das gibt dem Publikumspreis noch mehr Gewicht. "Ich wähls mal, weil Cthulhu." Ja, das ist das Qualitätsbewußtsein von Mythosfans...

(Sagt nichts über die Quali des Comics aus, ich kenn den nicht. Nur über die Wähler.)

Athair hat gesagt…

... die Abstimmungsergebnisse sind tatsächlich ernüchternd. Aber wie schon gesagt:

Publikumspreise sind - wenn nicht sichergestellt ist, dass alle alles angeschaut haben - ein reiner Bekanntheits-Contest. Danach sind sie ein Beliebtheits-Wettbewerb.

Qualität kommt frühestens an dritter Stelle.

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