Sonntag, 15. Februar 2015

Die Verlagsfalle

Die Teilzeithelden haben gerade die Ergebnisse ihrer großen Weihnachtsumfrage veröffentlicht. Ein großartiger Anlaß, um mal über Pelletöfen zu sprechen. Meiner brummt hinter mir zufrieden und wärmt das Haus. In ihm arbeitet das bereits vierte Steuergerät, hab ich gerade eingebaut. Die Scheißdinger - Materialwert vielleicht zwanzig Euro - kosten 249,-- das Stück.

Sie halten bei mir (und vielen anderen, weiß ich aus entsprechenden Hilfeforen) bis kurz nach Ablauf der Garantie. Es handelt sich dabei um die zweite Generation Steuereinheiten - die erste Generation gab zuweilen noch während der Garantiezeit ihren Geist auf, und das ist ja nicht im Sinne des Herstellers.

Geplante Obsoleszenz, seit 80 Jahren Herz, Rückgrat, Seele und schamhaft verschwiegenes "Geheimnis" unserer Wirtschaftsordnung. Konsumismus benötigt den Verschleiß für den Wachstumsfetisch, der auch dieser Tage wieder durch unsere "Nachrichten" geistert.

Und hier schlagen wir den Bogen zu den Teilzeithelden. Im Abschnitt "Trends" zeigt sich, daß die Masse der Spieler weder viele Systeme parallel spielt, noch nach neuen Editionen giert. Das Hobby "Rollenspiel" verweigert sich der konsumistischen Logik unserer Wirtschaftsordnung. "Neuigkeiten" in unserem Bereich sind nicht zwangsweise Verbesserungen, wie es z.B. der Einbau eines Airbags in Kfz ist.

Rollenspiele kennen wenig Verbrauch außer ab und an einem Würfel, Papier, Bleistifte und (tonnenweise) Essen, was aber nicht von den Verlagen geliefert wird. Module bzw. Abenteuer fallen allenfalls darunter, aber hier ist das Problem, daß nur eines pro Gruppe verkauft werden kann und das Hobby zum Selbermachen auffordert. Paraphernalia wie Battlemats sind auch eher Nischenprodukte.


"Haltet die Uhren an. Vergesst die Zeit. Ich will euch Geschichten erzählen." (James Krüss)


Zeit ist das Verbrauchsmaterial von Rollenspiel, viel Zeit. Das Produkt, das ich vom Verlag kaufe, hält hingegen - prinzipiell - ewig. Systemhopper, wiewohl eine laute Gruppe im Internet, sind eine Minderheit, deren Lautstärke auch die TZH etwas verwirrt hat, wenn sie schreiben:
Das hat uns wirk­lich über­rascht, haben wir doch ange­nom­men, dass das Inter­net und zahl­rei­che Wer­be­kam­pa­gnen dafür gesorgt haben, dass sich viele Rol­len­spie­ler nach neuen Ufern umse­hen.
Wichtig für ein RSP ist eine Gruppe, die Spaß macht, die flutscht und rockt. Ziel ist es nicht AD&D zu spielen oder Shadowrun oder DSA, Ziel ist es, eine tolle Zeit miteinander zu verbringen. Systemwechsel sind diesem Kernziel des Hobbies abträglich: Weniger Spaß bei erhöhtem Zeitaufwand, Spieler sind da gar nicht heiß drauf. Jedes neue System am Tisch (nicht zum Lesen!) kostet Zeit, sowohl in der Vorbereitung, als auch in der Eingewöhnung. Mann, was kann man in der Zeit geile Sachen mit einem "flutschenden", spaßigen System anstellen, das man kennt.

"Wir fragen zu oft, was neu, und zu wenig, was gut ist." (Ernst Peter Fischer)

Die Verlage sitzen da in der Falle: Sie sind Bestandteile einer konsumistischen Wirtschaftsordnung, müssen nach dieser funktionieren, um zu überleben, und versuchen das mit einem anti-konsumistischen Produkt zu erreichen. Viel Glück auf dem Weg, Leute.

Split 'n' Splat ist eine der Techniken, mit denen sie dem entgegenwirken wollen: Splatbooks bis zum Abwinken kamen Ende der 1980er auf und haben manches System zerstört. Das Splitten des Systems wird derzeit von FFG mit Star Wars betrieben, und das kommende DSA 5 soll als System in toto über Dutzende Bände aufgesplittet werden. Auch das wird wahrscheinlich nicht richtig funktionieren.
Hier wird Tra­di­ti­ons­be­wusst­sein offen­bar. Satte 82,5 % war­ten auf gar kein ange­kün­dig­tes Sys­tem. (...) DSA5 hin­ge­gen erwar­ten nur 12,66 %. Danach wird die Liste sehr schmal und kein Sys­tem konnte sich mit mehr als 3 % behaupten.
Hhhhm, ob das wohl auch daran liegt, daß man nicht unbedingt heiß drauf ist, mehrere tausend Euro in DSA 5 zu versenken, nachdem man gerade DSA 4 vollständig erworben hat? Es ist ja nicht so, daß mit dem Erscheinen von DSA 5 die 4er Edition kaputt ist (oder kaputter als vorher...).

Eine Gruppe kann für die Verlage wertvoll sein: der nichtspielende Leser und Sammler. Wer DSA-Produkte und auch CoC-Produkte betrachtet, wird sich des Verdachts nicht erwehren können, daß das eine oder andere durchaus gezielt für diese Gruppe entworfen wurde. Nur: Das ist auch nicht soviel, daß es reichen würde.

"Als ich klein war, glaubte ich, Geld sei das wichtigste im Leben. Heute, da ich alt bin, weiß ich: Es stimmt." (Oscar Wilde)

Um Wachstum, das Lebenselixier unserer Wirtschaft, zu generieren, wird den Verlagen nichts anderes übrig bleiben, als mehr Spieler zu generieren. Dazu benötigt man einsteigerfreundliche Produkte und klar umrissene Zielgruppen, die mit diesen Produkten abgeholt werden. Dem entgegen stehen immer okkultere Systeme, eine obskurante Außendarstellung, Wucherboxen von FFG, Ghettoisierung und vor allem das liebe Geld. das man dafür benötigen würde, und das wirklich nicht da ist.

Rollenspielautor? Don't quit your dayjob.

Kommentare:

Roger hat gesagt…

Ich gehe 100% mit dir konform. Danke für deine Gedanken

Anonym hat gesagt…

Schöner Artikel! Stimme ebenfalls zu.

Athair hat gesagt…

Für den Rollenspielautoren ist der Selbstverlag mitlerweile ein echte Alternative geworden. Jedenfalls lese ich so den Beitrag von Graeme Davis zur ökonomischen Seite des Hobbys:

https://graemedavis.wordpress.com/2012/01/28/on-the-economics-of-tabletop-rpgs/

Schreckse hat gesagt…

"Eine Gruppe kann für die Verlage wertvoll sein: der nichtspielende Leser und Sammler."

Hier weis natürlich keiner wie groß die Gruppe wirklich ist und wie viele man davon in die neue Edition mitnehmen kann. Konkret, wie groß ist die Sammlergruppe bei DSA4 und wie viele davon sammeln dann DSA5 weiter? Die (überteuerten?) Deluxeausgaben scheinen sich ja zu lohnen, so dass man annehmen kann, dass es hier Potenzial gibt. Wann das System zusammenbricht, ist natürlich eine andere Frage. Wenn ich nicht mehr spiele, in wie weit kommen mir dann die Produkte entgegen? Und auf der anderen Seite, in wie weit werden dann die Produkte schlechter für den aktiven Spieler?

TheShadow hat gesagt…

"in wie weit werden dann die Produkte schlechter für den aktiven Spieler?"

In einem COC-Szenario waren die Inhalte eines Schreibtisches zwei Seiten weiter in einer anderen Situation im Fließtext beschrieben. Als ich mich darüber im Forum beschwerte, raunzte man, das sei so in Ordnung, dann lese es sich spannender.

Das nur als Beispiel, extrem, ja, aber Lektüre > Nutzen ist seit Jahren Bestandteil von CoC.

@Athair

Tatsächlich kämpft die Branche nicht nur mit den Widrigkeiten in der Grundanlage des Produktes, sondern auch mit all den Widrigkeiten des Verlagswesen, die mit dem technischen Paradigmenwechsel kommen. Stimmt schon und macht die Sache zumeist auch nicht leichter.

McGoldi hat gesagt…

Die genauen Zahlen in den Calc-Sheets finde ich richtig gut. So kann man eine Umfrage noch ein bisschen genauer betrachten. Teilnehmer etwa 500, ok. Besonders interessant war für mich die Frage, wie lange schon? Das bildet zusammen mit der Altersverteilung den schwindenden Nachwuchs besonders gut ab.

Athair hat gesagt…

"Das nur als Beispiel, extrem, ja, aber Lektüre > Nutzen ist seit Jahren Bestandteil von CoC."

Und genau das ist die Erklärung dafür, warum ich von Pegasus weder Cthulhu-Sachen habe noch erwerben will. Die alten Sachen (Laurin, Hobby Products) ticken da anders. Weswegen ich mir die besorgt habe.

TheShadow hat gesagt…

Naja, es gibt einige sehr schöne Pegasussachen. Vor Gebrauch muß man sie halt komplett zerlegen, es sei denn, der Schütte ist am Werk. Der packt den Spagat von geiler Schreibe und funktioneller Präsentation. Aber er ist die Ausnahme.

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