Dienstag, 28. August 2012

Ritualisierte Imagination

Woran erkennt man akademische Texte? Daran, daß der jeweilige Verfasser sich dafür entschuldigt, daß ihm ein Scherz oder ein Bonmot in die Tastatur gefallen ist, nicht dafür, daß die Pointe lausig ist. Ich machs den Verfassern nicht zum Vorwurf. Ich kenn' das, wenn man zu diesem pseudo-elitären Duktus gezwungen wird. Privat habe ich allerdings auch während des Studiums die deutsche Sprache verwendet, um sie nicht zu verlernen.

Zum Anlaß des Posts. Der LIT-Verlag bietet die kleine Untersuchung mit dem schönen Titel Ritualisierte Imagination: Das Fantasy-Rollenspiel "Das Schwarze Auge" an, verfaßt von von Lucia Traut, Religionswissenschaftlerin an der Universität Münster. Darum gehts:
Älter als die virtuellen Welten von Computerspielen sind die phantastischen Welten der Pen&Paper-Rollenspiele. Bei diesen wird durch kooperatives Erzählen ein gemeinsamer Vorstellungsraum erzeugt, in dem die Fantasien der einzelnen Spieler miteinander verschmelzen können. Dabei sind deutliche Parallelen zu (religiösen) Ritualen feststellbar. In diesem Buch wird das populärste deutsche Rollenspiel "Das Schwarze Auge" innovativ religions- und kulturwissenschaftlich untersucht. Anhand dieses Beispiels wird in die selten beachteten Zusammenhänge von Ritual und Imagination systematisch eingeführt. 
Hat mich jetzt aus mehrlei Gründen etwas mißtrauisch gestimmt. "Innovativ" ist so ein Buzzword, bei dem mein inneres Shit-O-Meter unvermittelt auf Rot springt, aber für den Marketing-Blurb ist die Autorin ja nicht verantwortlich. Bei Google-Books kann man in das Buch reinstöbern, das erste Viertel ist weitgehend online. Die allererste Furcht, die den Rollenspieler bei der Kombination "Rollenspiel" und "Religion" anfällt, wurde erwartungsgemäß in den ersten drei Zeilen zerstört. Wir sind nicht im englischsprachigen Raum.

Was mich ebenfalls skeptisch stimmte, war die freiwillige Eingrenzung auf DSA. Das ist zwar die die größte Einzelgruppe in Deutschland, gleichzeitig weicht sie doch erheblich von allen anderen Spielerschichten ab, ist eine eigene Subkultur innerhalb der RSP-Kultur. Beispiel? 
Durch die Spielmechanik [gemeint sind die Regeln] werden die Möglichkeiten der Spieler, auf das Spielgeschehen Einfluß zu nehmen, eingeschränkt, um die Spannung zu erhöhen. (S. 14)
Implizit wird hier gesagt: Regeln seien dazu da, die Macht der Spieler zu begrenzen. Bei (fast) allen anderen Rollenspielen hätte ich aufgejault. Bei DSA muß ich zugeben, ist das zwar eine sehr enge, aber auch zumindest teilweise valide Auslegung, die je nach Spieler verschieden stark ausgeprägt ist. Wie gesagt, DSA, Aventurien und die Spieler bilden ein ganz eigenständiges Biotop. 

Umso ärgerlicher ist es dann, daß die Autorin im Text den Begriff "Rollenspiel" oft synonym zu das "Das Schwarze Auge" gebraucht. Diesen - sicherlich unbewußten - Absolutheitsanspruch, der sich da verrät, den kenn ich eigentlich auch nur von gewissen Extremmonokulturisten. 

Dieser Absolutheitsanspruch blitzt immer wieder auf, wenn spezielle Manierismen des "Großen, deutschen Rollenspiels" zum Allgemeingut aller Rollenspieler definiert werden. "'Abenteuer' nennt man die Geschichten, die im Rollenspiel erzählt werden." (S.12). Nö. "Abenteuer" nennt man die Vorlagen, die man für DSA käuflich erwerben kann. Andere RSP-Systeme nennen sie auch "Module", "Szenarien", "Fälle", "Episoden", "Savage Tale"... Abgesehen davon, daß dieser Satz sehr, sehr zweifelhaft in seinen Implikationen ist (wie überhaupt der gesamte Abschnitt 1.3.1  unglaublich eng fokussiert nicht einmal der Bandbreite von DSA gerecht wird), kann ich für mich sagen, daß ich den Begriff "Abenteuer" eher selten verwende.

Hier beschleicht mich dann allmählich der Verdacht, der rollenspielerische Horizont der Autorin könnte beschränkt sein.

Untersucht werden - das konnte ich den ersten 35 Seiten entnehmen - die rituellen und imaginativen Aspekte des Hobbies DSA (nicht des Hobbies Rollenspiel) und inwieweit sie zwar Parallelen zu ähnlichen Aspekten einer Religion aufweisen, ohne aber zu einer solchen Religion oder Ersatzreligion zu werden, da der Anspruch beider Aktivitäten fundamental unterschiedlich ist: Freizeitgestaltung vs. Welterklärung (such Dir aus, was was ist).

An dieser Stelle gibt die Autorin zu bedenken, dies sei "banal". Das sehe ich auch so. Oder möchte hier einer Crom opfern? Zumindest für Rollenspieler ist diese Erkenntnis banal, aber vielleicht müssen für den Diskurs außerhalb unseres Hobbies derlei Banalitäten tatsächlich erst erklärt werden. Wenn das Buch das leistet, umso besser.

Der (vielleicht) spannende Teil des Textes wäre die ausführliche Darstellung der "selten beachteten Zusammenhänge von Ritual und Imagination" (ich höre Grizmeks Stimme raunen, während sich Flußpferde im Nilschlamm paaren). Dazu ist leider nur das Inhaltsverzeichnis online.

Mich reizt es insgesamt eher nicht als Lektüre. Ich sehe mit Spannung, daß unser Hobby mehr und mehr Einzug ins Akademische hält. Kulturwissenschaftlich ist RSP eine der spannendsten Tätigkeiten, die man untersuchen kann (Tipp: Spielen macht noch mehr Spaß). Der monokulturelle Ansatz der Untersuchung, d.h. die Fokussierung auf DSA, ist jedoch mMn keine gewählte Beschränkung, um die Materie umso tiefer anzugehen, sondern scheint eher der Auffassung geschuldet, Rollenspiel sei stets irgendwie so wie DSA. Sollte das tatsächlich der Fall sein, läuft hier vieles ins Leere, da die Autorin dann einen von zwei Aspekten ihrer Arbeit nicht genügend durchdrungen hätte. Schade. 

Eindrücke wie gesagt, Eindrücke, man beachte den Konjunktiv. Wer das Buch kennt und diese meine Eindrücke korrigieren möchte und kann, ist herzlich eingeladen, dies zu tun. Die Kommentarspalte ist offen.





Kommentare:

Stefan hat gesagt…

Eine kleine Anmerkung zu Rollenspiel im akademischen Umfeld: Ich weiß von einer geplanten Lehrveranstaltung, die zum Ziel hat eine Abenteueranthologie für DSA zu erstellen.

TheShadow hat gesagt…

Klingt sehr spannend. Mehr Infos dazu?

Ansonsten hier: http://lecture2go.uni-hamburg.de/konferenzen/-/k/11371

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